Ludmilla Javorová (r.k. Priesterin)

Ludmila Javorová

„Ja, ich bin katholische Priesterin!”

Ludmila Javorovä, 65, Generalvikarin des tschechischen Untergrundbischofs Felix Davidek

in Brunn (gestorben 1987), bekennt sich erstmals zu ihrer Priesterinweihe.

Von WERNER ERTEL und GEORG MOTYLEWICZ

 

 


Stara Osada 23, eine kleine Wohnung im Erdgeschoß eines Betonblocks im Weichbild von Brunn. Das Hoch über Mitteleuropa wölbt einen warmen, blauen Himmel über die mährische Hauptstadt an diesem 13. Oktober 1995. Ludmila steht am Gasherd in der Küche, rührt in der Dillsauce, gibt kleine Grießknödel dazu und garniert schließlich alles tellerfertig mit ein paar Petersilienstengeln. Wir stehen zu dritt um den Tisch. Ein Augenblick der Stille, und sie segnet dieses Mahl, indem sie mit der rechten Hand ein Zeichen des Kreuzes macht, wie es Priester tun. Die Konversation wird in ihrer Muttersprache, dem Tschechischen ge-führt Georg, als gebürtiger Pole perfekt in allen Ostsprachen, übersetzt dann und wann das Wichtigste.

Er kennt sich im Labyrinth der Untergrundkirche unter dem Kommunismus bestens aus, hat mit Bischöfen wie Blaha, Kratky, Zahradnik Kontakt und verblüfft Ludmila immer wieder mit Einzelheiten aus der Geschichte der verfolgten Kirche. Wir sind beide gespannt, was uns die Generalvikarin a. D. des Brünner Untergrund-Bischofs Davidek anvertrauen möchte: denn diesmal hat sie uns zu sich gebeten, zu einer persönlichen Unterredung, nicht wie damals vor drei Jahren, als wir für das Europamagazin „Kompaß” des ORF mit einem Kamerateam bei ihr aufkreuzten.

Ludmila serviert heißen, schwarzen Nescafe, dazu selbstgemachten Apfelstrudel, und wir wechseln hinüber ins Wohnzimmer, direkt unter ein großes Porträt des 1988 verstorbenen Bischofs Felix Davidek. Die zarte, asketisch wirkende Frau mit dem rotbraunen Haar zündet eine Kerze an und stellt sie aufs Tischchen. Ihre hellen Au- gen hinter den Brillen sind wach, stets ein bißchen vorsichtig, ihre Stimme ist etwas verhalten, mit einem warmen, gütigen Timbre.

Lange hat sie für diese Zusammenkunft gebetet, sagt sie ruhig, und sieht darin nun eine Fügung, ein Wirken des Hl. Geistes. Sie knüpft an unsere letzte Begegnung vor drei Jahren an, als ich sie im Zusammenhang mit ihrer Tätigkeit in der Untergrundkirche fragte, ob sie eine geweihte Priesterin sei. „Damals, vor laufender Kamera, bin ich dieser Frage ausgewichen, weil das nicht für die große Öffentlichkeit bestimmt war. Aber es hat mir keine Ruhe gelassen, und deshalb habe ich euch heute zu mir eingeladen.” Ludmiltchlieft den ohnehin nicht weit geöffneten Fenster flügel im Sitzen auf einen kleinen Spalt bre und zieht den Vorhang etwas weiter vor.

„Es war 1970, da haben wir eine Synod der Untergrundkirche einberufen. Eines de Themen war die Ordination von Frauen. Wir mußten Felix alle in die Hand versprechen daß wir darüber strengstes Stillschweige bewahren, das hat er dann sogar noch schrif lich verlangt. Eine Gruppe wollte diese Thema überhaupt nicht erörtern, die habe sich praktisch abgespalten und wurden vo Davidek exkommuniziert. Bischof Dubov sky hat diese Exkommunikation dann wie der aufgehoben, doch zu einer Versöhnung mit dieser Gruppe ist es bis heute nicht ge kommen.

In unserem Kreis um Bischof Davidek ist die Frage der Frauenordination aber weite hin positiv diskutiert worden, und so ist dann bald zu den ersten Weihen von Frauen zu Priesterinnen gekommen, darunter auch zu meiner Weihe. Einer der Hauptgründe dafür war, daß in den Frauengefängnisse schon Klosterschwestern und andere Inhaf tierte gestorben waren, ohne priesterlichen. Beistand oder die Sakramente empfangen zu haben. Uns war aber auch klar, daß eine Frau überhaupt besser auf die Probleme von Frauen eingehen könne als ein Mann, de: ken Sie nur an die Beichte.”

Ludmila zieht einen Bogen zur Gegenwart und berichtet daß im tschechischen Fernsehen, in der Sen düng „Arena”, unlängst eine Diskussion vFrauen mit dem Sprecher der Bischofskon ferenz, Pater Fiala, stattgefunden habe. Eine Soziologin habe Fiala vorgeworfen, das zölibatäre Männer über die Probleme von Frauen ja gar nichts wissen könnten, wor auf dieser geantwortet habe, er wisse alle da Frauen ja auch zu ihm beichten kämen und alles erzählen. „Aber es ist doch klar”, so Ludmila dazu, „und das hat auch die Soziologin gemeint, daß sich eine Frau, etwa wenn sie von einem Mann schlecht behandelt wird, einem männlichen Seelsorger nicht mit all ihrem Kummer und ihren Problemen anvertrauen wird".

Ihre Priesterweihe ist von den männlichen Amtskollegen leider mit Mißtrauen aufgenommen worden. Bei Eucharistiefeiern sei sie nur Konzelebrantin gewesen, nie Haupt-zelebrantin unter männlichen Priestern. Sie sei aber überzeugt, daß Frauen für das Priesteramt geeignet seien, Christus spreche durch Priester zu den Menschen, egal ob dies Männer oder Frauen seien. Draußen läutet das Telefon, Ludmila geht kurz hinaus.

Georg bedauert, daß wir auf Zwischenfragen, wie sich die Weihe zur Priesterin in der Praxis abgespielt habe, keine konkrete Antwort bekommen. Offenbar will Ludmila die näheren Umstände, Zeit, Ort, Weihebischof, weiter geheimhalten. Vermutungen, daß dies der griechisch-katholische Bischof Krett aus dem Basilia-nerorden gewesen sei, der mehrfach Frauen geweiht habe, will sie nicht bestätigen. Sie selber habe die Umstände ihrer Weihe, wie sie uns später erzählt, in einem Brief an Papst Johannes Paul II. dargelegt, aber nie eine Antwort darauf bekommen.

Das Gespräch mit Ludmila an diesem Nachmittag in Brunn hat nicht den Charakter eines Interviews. Sie will uns etwas mitteilen, will den offenbar wichtigsten Abschnitt ihres Lebens mit uns teilen - und sie bestimmt auch, wieweit sie dabei gehen will. Im Laufe des Gesprächs wird immer deutlicher, welche Probleme und Schwierigkeiten Ludmila als Priesterin auch - und gerade - heute hat. Sie sei doch letztlich ziemlich einsam: Menschen kämen zu ihr, kämen zu einem Gottesdienst, und gingen dann wieder. Mit der Solidarität oder der Hilfe ihrer männlichen Amtskollegen könne sie g nicht rechnen: „Die sind zwar rein äußerlich damit einverstanden, weil sie wissen, daß ich geweiht bin, aber sie verkraften es innerlich nicht. Das ist die zweitausendjährige Tradition einer Männerkirche, die man nicht über Nacht ändern kann.”

Von sich und ihrer Berufung zum Priesteramt ist Ludmila dessenungeachtet überzeugt. Aus einer kinderreichen Familie stammend hat sie ihren Vater schon mit fünfzehn gefragt, ob sie Priesterin werden könne. Verstanden fühlte sie sich in dieser Frage erstmals von Bischof Felix Davidek, der „die Sache gleich nachdem er aus seiner fünfzehnjährigen Haft entlassen worden sei, richtig angegangen habe”.

Die Synode von 1970 sei dann die tragfähige Basis für die Frauenordination gewesen. Die Sonne steht schon sehr tief, Ludmila zieht den Vorhang weiter vor. „Früher mußten wir uns alle auf den Boden setzen, wenn wir gelüftet haben”, erinnert sich Ludmila an die Zeit der Katakombenkirche. „Ich habe immer damit gerechnet, verhaftet zu werden. Der Geheimdienst hat auch von uns Priesterinnen gewußt.” Wo die undichten Stellen gewesen sind, wird man kaum je erfahren. Es gibt Gerüchte, daß der heutige Bischof von Tyrnau, Sokol, ein Informant des Geheimdienstes gewesen sei. Tatsache ist, und das bestätigt auch Ludmila, daß Sokol bei Recherchen nach den Priesterinnen als erste Frage die nach dem Geld gestellt hat: „Wieviel habt ihr an Meßstipendien verdient?”

Ludmila kennt Namen und Adressen von weiteren geweihten Frauen, die heute in der Slowakei leben. „Ich möchte mit ihnen in Kontakt treten." Eine sei jedenfalls als Krankenschwester in der Umgebung Brunns tätig. Bei der nächsten Synode der ehemaligen Untergrundkirche, Anfang November, hofft sie, mit einigen ihrer Amtskolleginnen zusammenzutreffen. Für ihre Tätigkeit als Generalvikarin und Priesterin in der Untergrundkirche erhält sie weder Dank noch Anerkennung und auch keinerlei Lohn. So muß die Mittsechzigerin heute ihr Brot als Lehrerin an staatlichen Schulen verdienen. „Unlängst haben mich zwei Mädchen in der Schule spontan gefragt, ob sie Priesterinnen werden können. Die beiden stammen aus völlig atheistischen Familien - und das läßt mich hoffen, daß die Frage der Frauenordination für die nächste Generation ein Thema bleiben wird.” Sich selber sieht sie als eine, die für diese Sache ihr Leben hingeben müsse: „In einem Kampf fällt immer die erste Reihe, damit die zweite dann durchkkommen kann.”

Es ist spät geworden in der Stara Osada. Wir bringen Ludmila noch zu einer abendlichen Einweihung und Eröffnung eines Jugendzentrums in eine Stadtrandpfarre von Brunn, die gleiche, in der sie schon vor IM drei Jahren Wortgottesdienste halten durfte. Im „vol- len Ornat" wird Ludmila in dieser katholischen Kirche heute wohl nicht mehr am Altar stehen dürfen, zumindest nicht am Altar einer Pfarrkirche, in der ein Mann das Sagen hat. Das Schicksal der Untergrundkirche erleidet sie heute genauso wie damals unter dem Kommunismus: sich verstecken müssen, nicht zugeben dürfen, was sie wirklich ist, ihre eigentliche Funktion offiziell nicht ausüben dürfen. Der einzige Unterschied zu früher, als sie in ständiger Angst vor der Verhaftung durch den staatlichen Geheimdienst leben mußte: der Vatikan schickt ihr keine Agenten, die sie unschädlich machen würden. Sollte sie aber in diesem Leben noch Anerkennung erfahren, dann eher in Kreisen feministischer Theologinnen des Westens als in Tschechien, einem Land, das seine Bekenner der Untergrundkirche vielfach „wie Müll am Straßenrand" (Bischof Jan Blaha in KI 10/95) abstellen zu können meint.

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© Regina Ladewig