Christine Mayr-Lumetzberger (r.k. Bischöfin)

Christine Mayr-

-Lumetzberger

 

Curriculum Vitae

  • Geboren 1956 in Linz, Oberösterreich
  • Schulbildung bei den Kreuzschwestern in Linz
  • 1975 Abschluss der Ausbildung zur Kindergärtnerin
  • 1975-80 Kloster der Benediktinerinnen vom Unbeflecken Herzen Mariens in Steinerkirchen, Oberösterreich
  • 1981 Abschluss des Lehramtsstudiums Religion

 

  • 1982 Heirat DI Dr. Michael Mayr
  • 1982ff Weitere Lehramtsstudien: Deutsch, Technisches Werken, Sonderpädagogik
  • Seit 1991 im Lehrberuf tätig
  • Verschiedene ehrenamtliche Tätigkeiten im kirchlichen Bereich, davon 10 Jahre in der Krankenhausseelsorge
  • Seit 1995 Engagement in der Kirchenreformbewegung im Rahmen der Plattform "Wir sind Kirche"; Schwerpunkt Frauenordination
  • 1996-98 Entwicklung des Ausbildungsprogramms "Frauen für Weiheämter"
  • 1999 Approbation des Ausbildungsprogramms durch die Plattform "Wir sind Kirche"; Start der Ausbildung mit drei Gruppen
  • 2002 Priesterweihe – auf einem Donauschiff wird Christine Mayr-Lumetzberger als eine von sieben Frauen zur römisch-katholischen Priesterin geweiht.
  • Bischofsweihe: Datum, Ort und Weihebischöfe nicht publiziert.


Christine Mayr-Lumetzberger
Meine Berufungsgeschichte
(geschrieben im Jahr 1996)


Kindheit und Schulzeit

Ich bin die älteste Tochter religiöser Eltern, geboren 1956 in Linz, Oberösterreich. Beide waren über dreißig Jahre, als sie heirateten. Meine Mutter war von katholischen Jugendgruppen geprägt, mein Vater war Kolpingssohn. Für alle vier Kinder waren Sonntagsmesse, Frühkommunion und Frühbeichte selbstverständlich. 

Mich hat vor allem die Mesnertätigkeit meines Großvaters interessiert, der selbstverständliche Umgang mit den “heiligen Dingen”. Vor Priestern hatte ich weder Angst noch Respekt, sie waren mir entweder gleichgültig, oder ich erwartete Informationen über Gott und was damit zusammenhängt.

Meine gesamte Schulzeit -14 Jahre lang - verbrachte ich in der Schule der Kreuzschwestern in Linz. Der Religionsunterricht und das Leben meiner Lehrer und auch einiger Schwestern waren für mich befremdend. Es verwunderte mich, wie die für mich faszinierende biblische Botschaft von ihnen missverstanden wurde. Meine Kinderbibel und auch der spätere Religionsunterricht sprachen eine ganz andere Sprache. Das ehrliche persönliche Ringen um echtes religiöses Leben überzeugte mich eher. 

Die einzelnen Inhalte des Religionsunterrichtes habe ich weitgehend vergessen. Ich erinnere mich aber an einige Einzelheiten, zum Beispiel an den Habit eines Benediktiners, an den sorgfältigen Unterricht eines heute verheirateten Priesters, an einen Jesuiten, der später Selbstmord beging, an die ehrlichen Gebete einer ausgetretenen Kreuzschwester und die Bitte um meinen Segen für eine Kreuzschwester, mit der ich jahrelang im Streit gelegen war und die dann an Krebs erkrankte und starb.

Nach Volksschule und Untergymnasium wollte ich Kindergärtnerin werden, was ich dann gegen den Willen meiner Mutter schließlich durchsetzte. Geistig war ich mit etwa 14 Jahren von zu Hause ausgezogen.

Ich ging, soweit wie möglich, meinen Eltern aus dem Weg. Der Gemeindepriester wurde eine Zeitlang mein kluger Beichtvater, der es verstand, meinen Intellekt anzusprechen. Ich führte eine Mädchengruppe, gestaltete die Liturgie, wurde in den Pfarrgemeinderat gewählt und hatte mit 17 Jahren eine gute Position in der Pfarre.


Begabung und Berufung

Ich habe Berufung immer mit einer besonderen Begabung verglichen: ein musikalisch begabter Mensch hat Freude an Musik, und wenn er ein Instrument in die Hand nimmt, es probiert, kann er ihm wohlklingende Töne, Melodien entlocken. Er hat selbst Freude am Musizieren und erfreut auch seine Umgebung damit, auch wenn es mitunter harte Übung erfordert. Mit seiner Begeisterung für Musik kann er auch andere anstecken, es selbst einmal zu versuchen, ein Instrument zum Klingen zu bringen, ein Lied zu singen. Vielleicht kommt mit dem Tun auch das Können. 

Ich selbst bin nicht besonders musikalisch. Ich blase - mehr gern als gut - das Jagdhorn, aber ich gebe nicht auf. Ich habe aber eine religiöse Begabung, die „Lust am Herrn ist meine Stärke“ (vgl. Ps. 36,4). Besonders bei Priestern habe ich versucht, Verständnis für mein Suchen zu finden. Von ihnen habe ich erwartet, dass sie mich und meine Berufung verstehen müssten. Verschiedene Beichtväter waren mir zeitweise sicher hilfreich, letztlich ließen sie mich aber mit allen Entscheidungen allein. Wichtig waren in meiner Jugend sicher auch ein Taizé-Aufenthalt, Wochenenden der KSJ, besonders im Prämonstratenserstift Schlägl, Begegnungen mit anderen suchenden Menschen, die auch noch nicht alle Antworten gefunden hatten.


Nur weil ich ein Mädchen bin...

Gemeinsam mit meinen Geschwistern spielte ich immer wieder Messe. Geduldig schnitten wir mit einer Nagelschere aus Backoblaten Hostien, die dann in einem Eierbecher aufgewahrt wurden. Mein Bruder wollte immer den Pfarrer spielen, aber er konnte nur die Wandlungsworte auswendig sprechen. Als Bub reklamierte er die Rolle des Pfarrers für sich, meine Schwester und ich konnten aber auch die übrigen Messtexte auswendig.

Als ich etwa 14 Jahre alt war, besuchte ich alle erreichbaren Gottesdienste in der Gemeinde. Ich animierte meinen völlig unwilligen Bruder, ministrieren zu lernen, ich durfte ja nicht, ich war ja ein Mädchen. Er durfte das Ministrantengewand anziehen und konnte noch immer nicht ministrieren. Der Pfarrer registriere meinen Ärger über den Bruder, ich durfte dann auch ein paar Mal ministrieren, aber ohne das ersehnte Gewand. Einige Jahre vorher hatte ich auch unbedingt an den Papst schreiben wollen und um Aufhebung des unsinnigen Verbotes für Mädchen als Ministranten anfragen. Mangels geeigneter Adresse landete der Brief im Altpapier.


Interesse am geistlichen Leben

In der Gemeinde gab es bereits Anfang der 70er Jahre einen Liturgiekreis, in dem ich auf Empfehlung des Pfarrers mitarbeitete. Endlich konnte ich auch am Altar stehen oder wenigstens am Ambo und mitarbeiten am Gottesdienst. Den konkreten Wunsch, Priester zu werden, getraute ich mich damals noch nicht zu formulieren; ich hatte ja auch niemanden, dem ich das hätte erzählen können. Ordensleben, Liturgie, Chorgebet wurden der spirituelle Gegenpol zu den Gemeindeaktivitäten. Ich wollte mir ein Brevier kaufen, wusste nicht, wo und wie. Eine fromme Freundin meiner Tante schenkte mir die damals neu erschienene Studienausgabe - ich war ein neuer Mensch! Sofort nähte ich einen Samtumschlag mit Goldborten, und ich las mein Brevier in der Straßenbahn, in der Mittagspause, während der Schulstunden, im Bett... Gezielt suchte ich die Bekanntschaft von Ordensleuten und Priestern, informierte mich über Ordensregeln und Klöster, über die Möglichkeiten von Ein- und Austritt. 

Eine Schulkollegin meiner Tante war Priorin im Benediktinerinnenkloster in Steinerkirchen, das zur pastoralen Mithilfe der Schwestern in den Pfarren gegründet worden war. Die Sache schien mir interessant.


Ordensleben

Nach meinem Schulabschluss trat ich in das Kloster der Benediktinerinnen des Unbefleckten Herzens Mariens ein. Ich erhielt den Schwesternnamen “Marie Christin” und wählte die “Allerheiligste Dreifaltigkeit” als Adelsprädikat. Ich hoffte, am Ziel meiner geistlichen Wünsche zu sein. Ich nahm die Ordenserziehung sehr ernst, erledigte meinen Tischdienst, ertrug den Unterricht der Novizenmeisterin und einen dummen Spiritual, putzte die Kapelle, lernte im Chorkleid mit Rauchfass, Schiffchen und Velum eine doppelte Kniebeuge zu machen und liebte und genoss das stundenlange Chorgebet. 

Ich hielt das Klosterleben für eine unentbehrliche Vorstufe auf meinem Weg zum Altar. Die Aufgaben der Schwestern in Richtung alleiniger Pfarrführung schienen mir interessant. Nach Postulat, zwei Jahren Noviziat und Profess wollte ich zum Theologiestudium nach Salzburg. Mit dem Hinweis auf den Gehorsam musste ich nach Linz auf die Akademie, um Religionslehrerin zu werden. Die Ausbildung war gut, aber nicht die, die ich wollte. Es gab Konflikte mit den Oberinnen und einige Erlebnisse, die mich bewogen, mein Suchen nach Gott neu zu beginnen. (Die Suche nach Gott ist die eigentliche Frage an jemanden, der an das Tor eines Benediktinerklosters klopft, um einzutreten.)

Nach fast 5 Jahren verließ ich das Kloster am Ende meiner Professzeit, schweren Herzens, wieder nicht das Gesuchte gefunden zu haben, aber reich beschenkt mit geistlichen Erkenntnissen. Innerlich bin ich Benediktinerin geblieben, auch wenn ich den äußeren Habit abgelegt habe. Die Profess mit der ernstlichen Ausrichtung auf Gott hin gilt für mich immer noch.


Persona non grata

In meinem letzten Studienjahr unterrichtete ich Religion in einer Sonderschule, wurde mit meinem Mann Michael näher bekannt, lernte ihn lieben, zog zu ihm und heiratete ihn nach dem Studienabschluss. Er war in erster Ehe geschieden und hatte vier Kinder. Mir wurde die Missio canonica entzogen. Zu dieser schwierigen Situation kamen Distanzierungen kirchlicher Personen, Konflikte mit der Institution um eventuelle Anstellungen, die aus wirtschaftlichen Gründen äußerst notwendig gewesen wären, und das totale Unverständnis der katholischen Umwelt.

Dabei war meine Eheschließung durchaus auch ein beabsichtigter Akt der Solidarität mit einem Mann, der im Sinne der Kirche ein Gescheiterter war. Wo blieb der Christen Solidarität mit mir?


Das Ziel wird immer klarer

Nach einigen Jahren der Trauer begann ich langsam wieder in der Gemeinde mitzuarbeiten, ein neuer Pfarrer machte die Sache nicht einfacher. Sachkompetenz und Erfahrung waren mir eine Hilfe, den Hauptamtlichen aber immer ein Dorn im Auge. Vor etwa 7 Jahren begann ich - wieder ehrenamtlich - in der Krankenhausseelsorge mitzuarbeiten. Dort machte ich mit neuen Leuten in einem neuen seelsorglichen Bereich erstmals unbestritten positive Erfahrungen, ja, die Arbeit lag mir, ich wurde von den Patienten akzeptiert und holte mir aus der Arbeit Kraft für mich selbst. Zugleich wünschte ich mir immer mehr, Pfarrerin einer konkreten kleinen Gemeinde zu werden. Seit dieser Zeit ist mir selbst auch klar, dass Priester und Pfarrer eigentlich mein Berufswunsch schlechthin ist. Das kann ich, und das will ich.

“Die Lust am Herrn”, am Gottesdienst, an der Verkündigung, am persönlichen Glauben, Hoffen und Lieben und die damit verbundene Einsamkeit habe ich mein ganzes Leben lang verspürt. Bis in meine Ordenszeit konnte ich den Wunsch, Priester zu werden, als solchen nicht formulieren. Mir hätte die Mitarbeit in einer Pfarre genügt. Aber je unerreichbarer eine kirchliche Anstellung wurde, desto heftiger wurde das “ich will alles”. In den von mir vorbereiteten Gottesdiensten hielt ich selbstverständlich auch die Predigt. Ich habe auch einen Gottesdienstleiterkurs besucht (ich wurde durch Zufall angemeldet, meinetwegen gab es aber dann keine offizielle Beauftragung der Absolventen, weil ich dabei hätte ausgeschlossen werden müssen) und bin hin und wieder auch Wortgottesdiensten in der Gemeinde vorgestanden. Ich empfinde es als selbstverständlich, wenn mich die Schwestern im staatlichen Krankenhaus als “der Pfarrer” bezeichnen und die Patienten von mir die Spendung aller Sakramente verlangen. Ich ließ mir auch eine Tunika nähen, um das Begräbnis meiner Schwiegermutter zu halten. 

Das priesterliche Tun wird mit den Jahren selbstverständlicher und mehr und mehr ein Teil von mir. Manchmal kommen in mir Fragen hoch, ob mir das alles erlaubt ist; die Fragen und Bitten der Menschen erübrigen zumeist eine Antwort.

Es hat mich in all den Jahren immer mit sehr großer Traurigkeit erfüllt, wenn Mitbrüder ihr Amt niedergelegt haben, um zu heiraten. Wie konnten sie etwas weggeben, was für mich unerreichbar war!

Seit mehreren Jahren bin ich auch Jägerin und damit vielfach in Gesellschaft von Männern, die nicht sehr kirchennah und -freundlich sind. Irgendwann haben viele herausbekommen, dass ich als Frau auch “so etwas ähnliches wie ein Pfarrer” bin. Ich halte oft Katechesen am Wirtshaustisch. Eine interessante Überlegung der Jäger war einmal, ob mein Segen genau so viel gilt wie der von einem Pfarrer. Sie entschieden sich für “ja”, weil ich ja auch “ein Gewand” habe. In der Folge haben sie mich als Predigerin für ihre Hubertusmesse eingeladen. Meinen Erfahrungen zufolge akzeptieren “normale Gläubige” priesterliches Auftreten und den Wunsch nach der Weihe viel fragloser als sogenannte Berufskatholiken, insbesondere Priester.

Meinen Wunsch nach dem Priestertum durfte ich besonders in Klosterzeiten nicht ausdrücken, denn die Rolle der Frau als Dienende war klar umschrieben. Mit dem Hinweis auf die nötige Demut wurde ein Streben nach dem Dienst am Altar als Priester als Anmaßung empfunden.


Zweifel und Versuchungen

In regelmäßigen Abständen stiegen auch Zweifel in mir hoch, ob das Streben nach dem Priestertum nicht meiner Überheblichkeit entspringt. Muss ich denn wirklich in der ersten Reihe stehen? 

Manchmal schlägt sich auch die Versuchung der Bequemlichkeit dazu: Habe ich das überhaupt nötig? Hat mir die “Mutter” Kirche nicht bereits genug Leid, Verletzungen, Enttäuschungen angetan? Der Rückzug ins Privatleben ohne Kirche, Gemeinde, Sonntagsdienst wäre nach den vielen Jahren an der Zeit. Außerdem besteht nach dem gegenwärtigen Stand der Dinge niemals die geringste Chance, dass ich eine kirchliche Anstellung oder ein Amt bekommen könnte. Mein kirchliches Lehrverbot besteht immer noch und wird auch nicht aufgehoben. Sicherlich, wenn ich mich scheiden ließe, dann wäre die Fassade wieder in Ordnung, dann wäre ich kirchlich betrachtet wieder „sauber“...

Nach dem Entzug der Lehrerlaubnis war ich 10 Jahre arbeitslos. In der Kirche war keine Stelle zu bekommen, als staatliche Kindergärtnerin hatte ich keine Chance. Durch Zufall (?) bekam ich aber 1991 -- ich war bereits 35 Jahre alt -- einen recht guten Posten als Lehrkindergärtnerin angeboten. Gleichzeitig kam eine Studienreform, und ich konnte die Ausbildung zur Hauptschullehrerin nachmachen. Ich unterrichte jetzt in der Sonderschule und habe mich zur Sonderschullehrer-Ausbildung angemeldet, weil in diesem Bereich besondere Nachfrage herrscht. In diesen letzten Jahren ist aber der Priesterwunsch kontinuierlich stärker geworden.


Entdeckung meiner eigenen Freiheit

Meine Mitschwestern haben schon vor vielen Jahren auf meine Professkerze “von Gott geliebt” geschrieben, weil ich davon immer gesprochen habe. Ich habe viele “Zufälle” nicht verstanden, aber hinterher hat sich immer ein Knoten gelöst und herausgestellt, dass nichts ohne Sinn war. Mit meiner recht guten staatlichen Anstellung bin ich von der Kirche als Arbeitgeberin nicht abhängig. Ich arbeite - ehrenamtlich - in verschiedenen kirchlichen Bereichen mit. Niemand kann mir etwas verbieten. Der Bischof weiß um meine Aktivitäten, kann mich aber nicht disziplinieren, wie denn auch? Diese Freiheit beginne ich langsam zu begreifen.

Gerade in der Frage der Frauenordination ist diese Freiheit von größter Wichtigkeit. Wenn eine Gemeinde, Gruppe, “Zwei oder Drei” mich darum bitten werden, mit ihnen Eucharistie zu feiern, werde ich das tun. Ich konnte mit Frauen sprechen, die dies bereits tun. Sie und ich sind dazu befähigt durch Taufe und Firmung, also durch die Gaben des Heiligen Geistes. Ich bin mir bewusst, dass dies nach dem Kirchenrecht verboten ist und mit Kirchenstrafen geahndet werden kann. Aber was kann mich scheiden von der Liebe Christi? (vgl. Röm 8,35.39). Diese Worte des Paulus haben mir Mut gemacht. Ich konnte mit Frauen sprechen, die ihre Anstellung in der Kirche haben. Sie setzen ihre Hoffnung auch auf Frauen wie mich, die nicht um ihre Existenz bangen müssen, wenn sie das tun, was der Herr uns aufgetragen hat, nämlich sein Gedächtnis zu feiern.


Hoffnungen und Ängste

Ich bin mittlerweile 40 Jahre alt und habe 25 Jahre für meinen Lebenstraum als Priesterin gekämpft. Ich habe so sehr gehofft, dass die Zeit nach dem II. Vatikanischen Konzil eine Zeit des Aufbruchs und der Erneuerung wird. Ich war so glücklich, gerade in dieser Zeit jung zu sein. Ich genoss die Erneuerung der Liturgie und war voller Hoffnung, dass es so weitergeht. Während meiner Ordenszeit wurde Johannes Paul II. Papst, und fast auf den Tag genau kam die Bewegung des Aufbruchs zum Stillstand und geht seither kontinuierlich zurück. Ich bin aus einem anderen Kloster ausgetreten als jenes, in das ich eingetreten war.

Ich habe Angst, dass für mich die Zeit nicht reicht, bis sich die Kirche wieder vorwärts bewegt. Sicher, ich habe den Aufbruch in mir und in vielen anderen Menschen gespürt, aber werde ich lange genug leben? Ich möchte nicht als uralte Frau am Altar stehen und Menschen, denen das Evangelium bereits völlig fremd und uninteressant ist, von einer Kirche predigen, die das Testament Jesu verwaltet. Ich möchte von einem Jesus erzählen, den die Kinder noch von ihren Eltern kennen gelernt haben. Ich fürchte, meine Generation ist die letzte, die noch so viel Energie in die Kirche investiert. Ich habe schon so viel Kraft verbraucht. Ich fürchte, ich werde nicht durchhalten, bis sich eine geschwisterliche Kirche verwirklicht, in der auch ich am Weihepriestertum teilhaben kann.

Auf jeden Fall werde ich im Wintersemester 1996 an der Theologischen Hochschule inskribieren und versuchen, das akademische Studium neben meiner Berufstätigkeit zu absolvieren. Ich möchte nicht, dass meine Zulassung zur Weihe am fehlenden Studium scheitert.


Mein Traum von der Kirche der Zukunft

Dies sind meine Visionen von der Kirche der Zukunft: - In einer geschwisterlichen Kirche wird es keine Frage sein, ob ich Mann oder Frau bin. Wichtig wird sein, ob ich Gott suche und seine Botschaft verkünden will. - Die Männerbischöfe erleben eine Bekehrung der Herzen, die ,Heilige Ruach' (= Heiliger Geist) ist in einem neuen Pfingsten auf sie gekommen. Sie verstehen die Botschaft Jesu ganz neu und verstehen die Nöte der Menschen. Die unnötigen Lasten werden von der Schultern der Mühseligen und Beladenen genommen. Scheitern ist in der Kirche Jesu Christi ein Fall für die Barmherzigkeit Gottes und nicht mehr für die menschliche (Un-)Gerechtigkeit.

  • Konflikte werden im Geist Jesu gelöst. Das Mühen um die gegenseitige Liebe wird von lebenserfahrenen Seelsorgern begleitet. Umkehr und Neuanfang sind eine großartige heilige Chance.
  • Priesterliche Männer und Frauen werden nicht mehr zur zölibatären Lebensform gezwungen; sie wählen frei, wie sie leben möchten. Niemand ist mehr gezwungen, irgendwelche Masken zu tragen.
  • Kirchliche Amtsträger haben es nicht nötig, Gewalt auszuüben, sie haben Autorität, weil sie kompetent sind. Das kirchliche Lehramt ist von Weisheit durchdrungen und keine sophistische Schulmeisterei.
  • Priesterliche Menschen werden nach ihrem Leben ausgewählt. In jeder Gemeinde gibt es mehrere Priester, Männer und Frauen, wie es eben notwendig und möglich ist. Sie sind theologisch gut und praxisnah ausgebildet, aber nicht um jeden Preis akademisch. Die meisten haben einen anderen Beruf und ihre Familien, halten an einem Abend ihre Sprechstunden und leben mit den Menschen, denen ihre Seelsorge gilt. Sie stehen abwechselnd den Gottesdiensten in ihren Pfarrkirchen vor, zumeist feiern sie die Eucharistie in überschaubaren Gruppen. Sie kennen die Menschen, für die sie priesterliche Sorge tragen, wissen um ihre Nöte und besuchen die Kranken. Die Priester begleiten die Rundenleiter und die ehrenamtlichen Mitarbeiter. Sie haben gelernt zu delegieren und freuen sich ohne Eifersucht über die Erfolge der anderen.
  • Ich persönlich möchte gerne in einer kleinen Gemeinde, einem Wohnviertel, in einem Krankenhaus oder einem abgegrenzten seelsorglichen Bereich arbeiten. Ich möchte nicht als kirchliche/r Multifunktionär/in aufgerieben werden, weil angeblich alles dem Priester unterstehen muss. Weihe ersetzt nicht Kompetenz, es gibt wahrscheinlich Leute, die sich besser für Verwaltung und Organisation eignen als Priester. Ich möchte mit den Menschen auf dem Weg zu Gott sein, mit ihnen die Sakramente feiern, geschwisterlich Fragen des Lebens klären, weil ich weiß, dass ich genauso wie sie der Liebe, Barmherzigkeit und Vergebung Gottes bedarf. Ich weiß mich von Gott geliebt, gerufen, auserwählt, aber auch ausgesetzt. Immer wieder muss ich auch für mich die Zugänge zu den Geheimnissen suchen, denn sie gefunden zu haben, heißt gleichzeitig, sie auch verloren zu haben. Ich möchte Priester sein in meiner konkreten Lebenssituation, für die Menschen, die ich lieb habe, die mir gegeben und anvertraut sind, für meine konkrete Zeit und ihre Fragen und Probleme. Ich möchte nicht kämpfen müssen für die Kirche in 100 Jahren, denn ich lebe jetzt. Ich will die Zeit nützen, die ich habe, und nicht Phantomen nachjagen müssen.

 

... damit in allem Gott verherrlicht werde

Ich habe dies gegen starke innere Widerstände und mit Überwindung geschrieben. Ich gebe so viel von mir und dem Geheimnis preis. Ich weiß aber, dass es notwendig ist, über die Frauenordination zu sprechen und dass dahinter auch konkrete Frauen mit einer ehrlichen Geschichte stehen müssen. So möchte ich meine Geschichte auch verstanden wissen.

BenediktinerInnen schließen ihre schriftlichen Arbeiten immer mit einem Zitat aus der Ordensregel: „ut in omnibus glorificetur Deus“ -- damit in allem Gott verherrlicht werde!

 

 

 

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© Regina Ladewig